Pferdegstützte Therapie

 

 

Im Kontext der Menschheitsgeschichte nimmt das Pferd schon sehr früh einen hohen Stellenwert ein. Es wurde wegen seiner Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit geschätzt und galt in vielen Kulturen als das edelste und auch unentbehrlichste Tier. Heute lässt den Menschen vor Allem die Bereitschaft der Pferde, Kontakt aufzunehmen und enge Beziehungen einzugehen, die Nähe zum Pferd suchen.

Das große und kluge Tier, das dem Willen und den Bedürfnissen des Menschen entsprechen will und ihn auf seinem Rücken trägt, lässt damit Gefühle des Beschützwerdens und der Ehrfurcht zu.
Es lässt Verantwortung und Selbstwirksamkeit erfahren. Hier können Menschen, die häufig mit Ohnmacht, Leistungsdruck und negativer Spiegelung konfrontiert sind, sich dem Pferd ganz anvertrauen. Das Pferd steht ihnen unvoreingenommen gegenüber, nimmt ihre Stimmungen und Bedürfnisse wahr und offenbart auch unmittelbar die eigenen.
Es entsteht ein Spannungsbogen zwischen dem behütenden „Getragen werden“ und der Herausforderung des „sich Hinwegtragenlassens“.
Das Pferd als Gegenüber kann eine Projektionsfläche für Ängste bilden, wodurch sich die Möglichkeit ergibt, direkt mit der Angst in Kommunikation zu treten.


Auf dem Pferd sitzend, befindet sich der Reiter in unmittelbarer körperlicher Interaktion mit dem Pferd. Die Hüfte, als wichtiger Schlüsselpunkt, ist im Kontakt mit dem rhythmisch schwingenden Pferderücken. Die Spannungsverhältnisse des Pferdes übertragen sich auf den „Getragenen“. Menschen mit einem herabgesetzten Muskeltonus, die viel Energie für Aufrichtung benötigen, erlangen auf dem Pferd sitzend eine Körperspannung, die es ihnen ermöglicht, ihre Umwelt mit größerer Wachheit und Neugier wahrzunehmen.
Diejenigen, die ihre geringe Körperspannung mit einem aufgesetzten Hypertonus kompensieren, können auf dem Pferderücken zu ihrem Grundtonus finden und so in eine moderate Aufrichtung gelangen.
Besonders deutlich zeigt sich der Einfluss des Pferdes auf den Muskeltonus bei spastisch gelähmten Menschen. So kann bei einer Diplegie durch die spezifisch-dynamische Position von Hüfte und Knien das spastische Muster in den Beinen nahezu vollständig gehemmt werden, der Rumpftonus wird erhöht, die Koordination von Armen und Händen wird erleichtert.
Die Tonusverhältinisse des Menschen stehen in engem Zusammenhang mit der Wahrnehmung. Hier bietet das Pferd eine ganzheitliche und umfassende Auseinandersetzung. Das Sitzen(bleiben) auf dem Pferderücken stellt hohe Anforderungen an die Gleichgewichts- und Haltereaktionen. Doch wird diese Gleichgewichtsleistung durch die Vielzahl an rhythmisierend regulierenden tiefensensiblen Informationen unterstützt. Das Pferd fordert zum Berühren, Streicheln und Kraulen auf.

Es nimmt Kontakt mit Maul und Nüstern auf, muss bisweilen von Staub und feuchtem Schmutz befreit werden. Somit stellt es ein weites Spektrum an taktilen Einflüssen zur Verfügung.
So in seinen Basissinnen unterstützt, kann der Mensch sich wach und forschend seiner Umgebung zuwenden.



Unsere artgerecht im Herdenverband gehaltenen Pferde leben auf der Weide und im Offenstall und lassen vielerlei Beobachtungen zu. Die komplexe Kommunikation der Pferde untereinander, die vornehmlich durch körperliche Signale geschieht, übt eine große Faszination aus. Sie inspiriert zur Auseinandersetzung mit dem eigenen nonverbalen Ausdruck. Auf kleinen Ausflügen in Wald und Gelände auf dem Pferderücken gibt es viel zu entdecken. Durch die neu gewonnene Aufmerksamkeit, die das Reiten mit sich bringt und auch geprägt von der Neugier des Pferdes an seiner Umgebung, nimmt der Mensch sein natürliches und lebendiges Umfeld in neuem Maße wahr, entdeckt Einzelheiten in einer Flut von Eindrücken. Mit dem Pferd erlebt der Mensch hautnah die Rhythmen der Natur. Das Wetter und die Lichtverhältnisse der wechselnden Jahreszeiten: Regen, Wind und Sonnenschein, Wärme und Kälte, Tageslicht oder früh einsetzende Dunkelheit bringen ihre Erfahrungswerte in den sozio-emotionalen und senso-motorischen Prozess mit ein.